Kongresspräsident im Interview

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Der 90. DGN-Kongress tagt dieses Jahr in Leipzig. Zur Eröffnungsveranstaltung haben herausragende Insider aus dem Human Brain Project und dem Wissenschaftsrat als Gastredner zugesagt. Im Präsidentensymposum erörtert ein hochkarätiges internationales Panel Netzwerkerkrankungen, ihre Erforschung und die daraus entstehenden Therapieansätze. Zeitgleich zum neurologischen Branchentreffen plant Kongresspräsident Prof. Dr. Joseph Claßen das erste Konzert eines frisch gegründeten Neurologenorchesters. Welche weiteren Highlights vom 20. bis zum 23. September 2017 auf die Leipzig-Besucher warten, verrät der Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Leipzig im Interview.

Herr Professor Claßen, warum passt der DGN-Kongress mit seinen rund 6.000 Besuchern nach Leipzig?

Im 19. Jahrhundert  wurde in Leipzig eines der weltweit ersten Hirnforschungsinstitute gegründet, die Neurowissenschaften haben hier eine lange und erfolgreiche Tradition. Die neurowissenschaftlichen Einrichtungen an der Universität und am Max-Planck-Institut haben sich dem gemeinsamen Bezug zum Menschen verschrieben. In dieses Feld fügen sich auch die klinischen Neurowissenschaften der Universitätsmedizin Leipzig ein. Systemische Neurowissenschaften bilden hier einen Schwerpunkt. Durch gemeinsame Programme, zum Beispiel die vom Max-Planck-Institut mit Beteiligung der Universität betriebenen Graduiertenschule, findet sich ein Umfeld, in dem translationale Forschung besonders gut gedeiht. Das soll beim Kongress auch deutlich werden. Gleichzeitig erwarten wir uns vom Kongress Impulse für die Entwicklung der Leipziger Neurowissenschaften.

Man hört, Sie bereiten etwas Besonderes vor?

Wir planen – und die Musikstadt Leipzig bietet dazu die passende Umgebung – die Gründung des ersten Neurologenorchesters. Es soll ein Benefizkonzert zugunsten der Deutschen Parkinson Gesellschaft stattfinden, veranstaltet durch das Internationale Kurt-Masur-Institut. Viele müssen mitziehen, damit es zu diesem kulturellen Highlight kommt. Drücken Sie uns die Daumen!

Sie haben bereits zahlreiche Einreichungen für Symposien erhalten. Welche Trends kristallisieren sich für den DGN-Kongress 2017 heraus?

Bei den neurodegenerativen Erkrankungen und Bewegungsstörungen ist über Fortschritte bei atypischen Parkinsonsyndromen zu berichten, über neue Analysemöglichkeiten bei Gehstörungen und ihre Rehabilitation. Kognitive Störungen der Sprache oder der Handlungskontrolle verstehen wir  mit Hilfe der Netzwerkanalysen zunehmend besser und können entsprechend neue Therapieoptionen entwickeln. Im Themenfeld Schlaganfall werden weiterhin die Möglichkeiten und die praktische Umsetzung der mechanischen Thrombektomie und die neuen Antikoagulantien in den Symposien eine wichtige Rolle spielen. Bei der Multiplen Sklerose scheinen nach den vielen neuen verlaufsmodifizierenden Therapien der letzten Jahre jetzt Regenerationsvorgänge und ihre Förderung zunehmend in den Vordergrund zu rücken.

Bei den atypischen Parkinsonsyndromen erprobt man erstmals seit Jahrzehnten völlig neue medikamentöse Therapieansätze.

Möglicherweise kann man die der Krankheit zugrundeliegenden Proteinverklumpungen durch eine Antikörperbehandlung aus dem Nervensystem entfernen: aus dem Nervenwasser oder alternativ aus der Zelle. Man hat also erstmalig vielversprechende Ideen, wie man diese Erkrankungen behandeln kann, die in puncto Lebenserwartung und Lebensqualität mit Krebserkrankungen zu vergleichen sind.

Den Bereich Schlaganfall dominierte ja in den vergangen Jahren die mechanische Thrombektomie. Gibt es darüber hinaus Neues?

Die Möglichkeiten und die praktische Umsetzung der mechanischen Thrombektomie sind immer noch ein bedeutendes Thema. Da besteht bei vielen Neurologen, die nicht an Akutkliniken arbeiten, noch Aufklärungsbedarf. Darüber hinaus müssen wir wichtige Fragen klären: Welche Patienten profitieren am besten  – und welche vielleicht nicht – von der Thrombektomie? Welche Rolle spielt die Lyse-Therapie? Wirkt die Standardtherapie – erst Lyse, dann Thrombektomie – besser als die Thrombektomie alleine? Das führt uns zu der Frage: Wie bringt man diese neuen Erkenntnisse in die praktische Medizin – und die Abrechnungslogik? An wie vielen Zentren sollen solche Eingriffe vorgenommen werden? Diese Fragen werden uns auf dem Kongress beschäftigen und unser Handeln wie unsere Überlegungen in den kommenden Jahren bestimmen.

In der Eröffnungsveranstaltung fasst Professor Hans-Jochen Heinze aktuelle Empfehlungen des Wissenschaftsrates für Struktur der medizinischen Ausbildung zusammen.

Das ist ein Thema, das für alle Kliniker und ganz sicher für die große Gruppe der Neurologen in den nächsten Jahren enorm wichtig werden wird. Die grundsätzliche Frage lautet: Wie können sich Medizin und die Neurologie innerhalb der Medizin eigentlich noch weiter entwickeln? Wollen wir am Ende eines Ausbildungsstudiengangs wissenschaftlich qualifizierte Mediziner haben oder vor allem praktisch tätige Ärzte für die Allgemeinmedizin? Was sind die Minimalanforderungen, die ein Mediziner am Ende des Studiums erfüllen muss? Wie ermöglichen wir es wissenschaftlich interessierten Medizinstudenten, während ihrer Ausbildung auch wissenschaftlich tätig zu sein? Wie sollen sich nach dem Studium Wissenschaft und klinische Tätigkeit verbinden lassen? Der medizinische Ausschuss des Wissenschaftsrates, dem Professor Heinze vorsitzt, hat glasklar Stellung bezogen: Ohne eine wissenschaftliche Ausbildung von Medizinern leben wir auf Pump und werden unserem Auftrag nicht mehr gerecht. Hans-Jochen Heinze kann das unglaublich engagiert vortragen. Deshalb bin ich sicher, dass das Thema auch die Zuhörer fesseln kann.
Ein anderes spannendes Thema der Eröffnungsveranstaltung wird das „Human Brain Project“ sein.

Das Human Brain Project ist eine gigantische europäische Forschungsanstrengung, die versucht, das Gehirn vollständig zu verstehen.

Ja, und zwar so, dass sich daraus ganz neue Erkenntnisse über seine Funktionsweise und zu Therapieansätzen ableiten lassen. Professorin Katrin Amunts, die am Forschungszentrum Jülich als Vorsitzende des Science and Infrastructure Board die wissenschaftlichen Interessen im Human Brain Project bündelt, wird uns darüber außerordentlich Spannendes berichten und uns sicher auch einen Einblick in ihre eigenen Forschungen zur Kartierung des Gehirns geben.

Das Thema Multiple Sklerose wird in von der Industrie gesponserten und industrieunabhängigen DGN-Symposien behandelt.

Richtig. Auch wenn die Industriesymposien weiterhin eine Bereicherung des Kongresses bedeuten und sie ein hochwertiges Informationsangebot bereithalten, haben wir Wert darauf gelegt, dass jedes große Thema auch in einer Form behandelt wird, die komplett unabhängig von Industriesponsoring ist. Gerade die Veranstaltungen zur Multiplen Sklerose sind ein gutes Beispiel dafür, wie dieses Prinzip hervorragend umgesetzt werden kann.

Auf welches Symposium freuen Sie sich besonders?

Obwohl viele Symposien sehr spannend zu werden versprechen, erhoffe ich mir ganz besonders vom Präsidentensymposium einen Ausblick auf die Zukunft der Neurologie – auf das, was in den nächsten 10 Jahren besonders relevant sein wird.

Worum wird es im Präsidentensymposium gehen?

Um Netzwerke und Netzwerkerkrankungen. Bestimmte Funktionsweisen des Gehirns sind nicht einfach Ausdruck einer regionalen Funktion, sondern einer Leistung, die über mehrere Hirnregionen verteilt ist. Ein konkretes Beispiel: die Parkinson-Erkrankung. Manchen ihrer motorischen Symptome liegt eine Störung eines Schaltkreises zugrunde, der mehrere Regionen einbezieht, unter anderem auch den Hirnmantel oder das Kleinhirn. Nur wenn man Erkrankungen und Symptome wie etwa das Zittern oder die Bewegungsverlangsamung bei Parkinson als Netzwerkdysfunktion versteht, kann man neue Wege finden, die Symptome zu lindern: indem man Regionen beeinflusst, die in Netzen miteinander verbunden sind.  Das ist eine Erkenntnis, die noch nicht wirklich Einzug in die klinische Medizin gehalten hat.
Wie diese Netzwerke analysiert werden, welche Rolle sie beim Verständnis von neurologischen Krankheiten haben und wie sie therapeutisch moduliert werden können, werden renommierte Experten erläutern. So stellt der für den Nobelpreis gehandelte Prof. Dr. Karl Deisseroth, Stanford (USA), die von ihm entwickelte geniale Methode der Optogenetik vor, mit der einzelne Neuronenarten in kleinen Verbünden aktiviert und abgeschaltet werden können. Sie erlaubt atemberaubende neue Einsichten in die Pathogenese neuropsychiatrischer Erkrankungen und hilft, die Funktionsweise von Hirnstimulationsverfahren aufzuklären. Prof. Nik Weiskopf, MPI für  Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig, wird erklären, wie sich mit Hilfe der Kernspintomographie in sensationeller, an mikroskopische Größenordnungen heranreichender Auflösung, die Konnektivität verschiedener Hirnregionen und ihre strukturelle Organisation analysieren lässt. Prof. John Krakauer, Baltimore (USA), wird computationale, tierexperimentelle, humanbiologische und medizinische Ansätze miteinander verbinden, um neue Strategien zur Rehabilitation motorischer Störungen vorzustellen. Schließlich wird Prof. Matt Lambon Ralph, Manchester (Großbritannien), Sprachstörungen als Störungen von neuronalen Netzen deuten und diskutieren, welche Schlussfolgerungen für die Therapie solcher Störungen daraus zu ziehen sind.

Wie steht es mit der Aufarbeitung der Lebenswege bedeutender Neurologen in der NS-Zeit?

Die medizinhistorische Forschungsgruppe arbeitet derzeit im zweiten Teil der Untersuchung die Lebenswege einiger bedeutender Neurologen in der Zeit des Nationalsozialismus auf. Am Beispiel neurologischer Persönlichkeiten soll eine Strukturgeschichte der Neurologie im NS-System geschrieben werden. Auf dem DGN-Kongress werden die Medizinhistoriker Prof. Axel Karenberg, Prof. Heiner Fangerau und Dr. Michael Martin im Rahmen des Symposiums „Neurologie und Neurologen in der NS-Zeit“ erste Ergebnisse vorstellen: zu Walter Birkmayer, überzeugter Nationalsozialist mit Nachkriegskarriere, zu Oswald Bumke, Präsident der Neurologengesellschaft 1933-1935 und wissenschaftlicher Beirat von Karl Brandt, sowie zu Emil Heinz Becker, Eugeniker, Muskelforscher und Historiker der Rassenhygiene.

Mit überwältigender Resonanz hat die DGN auf dem Kongress 2016 in Mannheim einen Science Slam ins Leben gerufen – wollen Sie dieses Format in Leipzig beibehalten?

Unbedingt! Mit dem Science Slam werden Neurologen angesprochen, aber insbesondere sollen sich auch Nicht-Neurologen und Nicht-Neurowissenschaftler für unser Fach begeistern. Weil der Besuch nicht nur Kongressbesuchern offen steht, werden wir die Veranstaltung voraussichtlich in einem großen Hörsaal des Universitätscampus der Innenstadt abhalten. Natürlich wollen wir auch Neuro-Slammer aus Leipzig auf die Bühne holen. Bewerber laden wir übrigens wie im vergangenen Jahr zu einem von der DGN gesponserten Workshop ein, auf dem professionelle Coaches mit den künftigen Slammern bühnenreife Vortragstechniken einüben. Also: Bitte bewerben!

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Veranstaltungsort

CCL – Congress Center Leipzig
Messe-Allee 1
04356 Leipzig
www.ccl-leipzig.de